„Der Tempel der Johannislehrlinge“

Hochwürdiger Meister!

Würdige und geliebte Brüder!

Das Thema meines heutigen Vortrages lautet: „Der Tempel der Johannislehrlinge!“

Bekanntlich gliedern sich die blauen Johannislogen in die Grade der Lehrlinge, Gesellen und Meister. Alle Grade verfolgen die geistige Selbstfindung, deren wichtigstes Mittel die Tempelarbeit ist. In ihrer Symbolsprache sprechen die Freimaurer vom Bau des Tempels der Humanität. Die symbolischen Grade versinnbildlichen dabei die inneren Entwicklungsstufen, die ein Freimaurer im Laufe seines maurerischen Wandelns durchläuft. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Tempel, an dem und in dem alle Freimaurer arbeiten ein einzigartiger ist.

Die Lehrlinge beschäftigen sich mit der Selbsterkenntnis und gehen der Frage nach, wie aus dem symbolisch unvollkommenen „rauen Stein“ ein behauener wird. Der Freimaurer im ersten Grad soll sich seiner Schwächen bewusst werden, wobei ihm die Brüder helfen. Im Gegenzug geht er denjenigen zur Hand, die seiner Hilfe bedürfen. Wird er belehrt, so ist es seine Aufgabe, dies stets zu hinterfragen, um den tieferen Sinn zu verstehen. In keinem Fall soll er kritiklos möglicherweise falsche oder falsch verstandene Handlungsanweisungen übernehmen, die großen Schaden anrichten können. Aber wo findet diese für uns so wichtige und grundlegende Arbeit statt? Wo liegt dieser Tempel der Johannislehrlinge in dem und an dem gearbeitet wird?

Im zweiten Artikel der zweiten Abteilung unseres Fragebuches wird die Gestalt des Tempels beschrieben. Er umfasst in den Dimensionen von Länge, Breite, Höhe und Tiefe die Unendlichkeit. Weiterhin wird auch die Lage des Tempels mit folgenden Fragen und Antworten beschrieben. Es heißt:

„Wo ist die allgemeine oder Johannis-Freimaurerloge gelegen?

Antwort: Im Tale Josaphat.

Wo finden Sie dieses Tal?

Antwort: Im gelobten Lande bei Jerusalem.

Wo da?

Antwort: Nahe den beiden Spitzen eines hohen Berges.

Wie heißt dieser Berg?

Antwort: Der Berg Sion.

Und seine beiden Spitzen?

Antwort: Die eine heißt Sion und die andere Moria.

Was war auf dem Berge Sion?

Antwort: Die Stadt Davids oder das königliche Schloss.

Was stand auf dem Berge Moria?

Antwort: Der Tempel Salomons.

Hatte dieser Berg nicht mehr als zwei Spitzen?

Antwort: Noch eine dritte, die von den beiden anderen mehr geschieden war.

Wie wird dieselbe genannt?

Antwort: Der Berg Acra.

Welches Gebäude stand auf dieser dritten Spitze?

Dort war später die Residenz der jüdischen Fürsten und Könige nach der Rückkehr aus Babylon.“ – So weit das Fragenbuch und die Akten.

Unser Tempel liegt also im Gelobten Land, in Jerusalem. Welche Gedankenreihen und Vorstellungen werden allein mit diesem Namen wachgerufen? Es sind Bilder von Krieg, Neid und Zwist – aber von einem buntscheckigen Gemisch verschiedener Völkerstämme und Nationalitäten. Die Lage der Stadt ist mit der von anderen Hauptstädten nicht zu vergleichen. Beinahe in der Wüste gelegen, ist sie vom Meer weit abgeschnitten; auch liegt Jerusalem weder an einem Fluss oder einer Wasserstraße. Dennoch bleibt Jerusalem eine Weltstadt ohnegleichen, die als Trägerin weltbewegender Ideen und von drei Weltreligionen in die Geschichte eingegangen ist. „Stätte des Friedens“, ist die Bedeutung ihres Namens. Aber der Genius des Friedens hat in Jerusalem selten längere Zeit geweilt. Erbitterte Kämpfe sind bereits vor ihrer Erbauung ausgefochten worden, erbitterte Kämpfe haben vor ihren Mauern getobt, alle Gräuel der Zerstörung und Verwüstung sind über sie hinweg gegangen und die Prophezeiung unseres Obermeisters hat sich an ihr erfüllt, dass kein Stein auf dem andern bleiben werde.

Aber dennoch ist die Kunde von der Friedensbotschaft, die einst aus ihren Mauern erscholl, nie verschollen. In der Nähe dieser für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen heiligen Stadt, finden wir in einem tiefen Tale, nahe bei den Spitzen des Berges Sion gemäß unseren Überlieferungen den idealisierten Sitz der Johannislogen. König David hatte der Tradition zufolge auf den Höhen ein Bergschloss der Jebusiter erobert, welches er zur Königsburg ausbaute. Der Berg, auf dem dieses Schloss lag, war der schmale südliche Ausläufer eines Gebirgsstockes, welcher von Norden her sich längs den Kidrontales erstreckt, das auch Josaphat genannt wird. Auf der Westseite verläuft das Tyropöon-Tal, also das Tal der Käsereien. Im Südwesten der Höhe 850 liegt das Tal Hinnom. In vorgeschichtlicher Zeit gab es hier drei Bergkuppen mit den Namen Sion, Moria und Acra. Heute sucht man das Tal Tyropöon vergeblich, da es durch Ausfüllungen vollständig eingeebnet wurde. Gleiches gilt für die Senke zwischen den Bergkuppen Sion und Moria.

Der Berg Moria war von alters her eine heilige Stätte. Auf ihm soll Abraham den Altar errichtet haben, um seinen Sohn Isaak auf Geheiß des Herrn zu opfern. Der Name Moria bedeutet: „Der Herr schaut gnädig herab“. Salomo schuf hier einen ebenen Bauplatz und befestigte die natürlichen Abhänge mit großen Quadersteinen. Diese sogenannte Klagemauer, an der die Juden noch heute die vergangene Herrlichkeit des Tempels betrauern, stammt möglicherweise noch aus dieser Zeit. Durch diese Baumaßnahmen Salomos entstand eine große Plattform, auf deren,

nördlichem Ende, dem eigentlichen Berggipfel Moria, der Tempel erbaut wurde, während im Süden eine Königsresidenz entstand. Diese Ensemble wurde im Laufe der Zeit mit dem Namen Sion in Verbindung gebracht, bis sich dieser Name auch für die ganze Stadt Jerusalem durchsetzte.

Nun sprechen unsere Akten noch von einer dritten Berg-Spitze, von Akra, auf der die Residenz der jüdischen Könige nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft gestanden haben soll. Wo diese Bergspitze lag, lässt sich heute nicht mehr genau ermitteln. In der Bibel wird Akra gar nicht erwähnt. Der Name weist jedoch auf die spätere griechische Epoche Jerusalems hin, weil „akra“ im Griechischen „Spitze“ heißt und einen ganzen Stadtteil bezeichnete, der südlich vom Berg Sion bis zur Höhe Golgatha reichte.

In welcher Beziehung steht nun aber die Johannis-Freimaurerloge zu den drei besagten Bergspitzen? Unsere Johannisloge liegt – wie wir gehört haben – nicht auf der Höhe, sondern in einem Tal, das von den Bergspitzen überragt wird. Räumlich ist die Loge von den Höhen getrennt, steht aber dennoch in enger geistiger Beziehung zu ihnen. Wenn die Maurerschläge in der Loge erschallen, wenn unter den wuchtigen Schlägen des Hammers der rauhe Stein eine kubische Gestalt annimmt, dann klingen die Schläge von jenen Höhen wieder und wir vernehmen ein Echo, das von Sion und Moria kommt, wie uns die Akten späterer Grade erzählen.

Damit bereiten wir im Tale das Werk, das oben auf den Höhen im geistigen Lichte vernommen, verstanden und gewürdigt wird. Aber es ist kein leerer Schall, der uns erreicht, sondern mit der Aussage von Psalm 121 verstehen wir den Friedensgruß, der uns von heiliger Stätte erreicht und voll Mut und Vertrauen „heben wir unsere Augen auf zu den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt.“ Das Werk, das wir im Tale bereiten, ist nicht für uns allein; es dient den großen Ideen, die jene Höhen verkörpern. Das Licht, das wir hier nur als Dämmerschein wahrnehmen können, ist das bessere Licht, das von den Spitzen des Berges hernieder strahlt. Denn groß, erhaben, menschheitsumfassend ist das, was Sion, Moria und Akra verkörpern.

Jerusalem war zu allen Zeiten ein Heiligtum der Menschheit, eine Stätte des Lichts, von der die Strahlen kommen, die die Völker der Erde erleuchtet haben. Langsam aber sicher hat sich das Licht von dort aus verbreitet und hört nicht auf, sich weiter zu verbreiten, denn sein Lauf ist noch nicht vollendet. Aller Fortschritt und alle Entwicklung ruhen in diesem Licht! Auch die es heute noch schmähen und nicht annehmen, werden in seinen Bann gezogen.

Jerusalem war der Zentralpunkt des Landes, das der Überlieferung nach dem Volke Israel zum Wohnsitz angewiesen wurde. Hier nahm der Glaube an einen einzigen Gott zum ersten Mal Gestalt an und führte gleichsam zur Theokratie, d. h. zu einer Staatsverfassung, in der Gott selbst Herrscher und Gesetzgeber ist. Auf dem Throne zu Sion saß also eigentlich Jehovah selbst und der zum König Gesalbte auf dem Thron, stellte die ihm verliehene Macht unter den Befehl Gottes. Eine theokratische Verfassungsidee umschließt aber auch die Vorstellung vom Reich Gottes.

Die Bergspitze Sion verkörpert für uns im Freimaurerorden die Idee des Gottesreiches, die Hoffnung auf eine Zukunft mit unserem Obermeister und einer Gemeinschaft der Kinder Gottes in der ewigen Gottesstadt. Sion ist der Zentralpunkt dieser Gottesstadt von dem der Prophet Jesajas spricht: „Siehe, ich lege in Sion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der wohl gegründet ist.“ (Jes. 28, 16.) Weiter heißt es: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und gen Sion wandern mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihren Häuptern sein.“ (Jes. 35,10.)

In Sion hat der Herr gemäß Psalm 2, 6 seinen König eingesetzt und „der Herr wird wohnen zu Sion“, wie es am Schlusse des Propheten Joel heißt. Am deutlichsten zeichnet uns der Verfasser der Apokalypse das Bild der Vollendung auf Sion. Er beschreibt die heilige Stätte, die ganz erfüllt ist vom Glanz und der Herrlichkeit Gottes. Dort steht kein Tempel mehr, sondern Gott wohnt mit den Seinen und ist selbst ihr Tempel.

Das irdische Abbild dieses Tempels aber stand auf der Spitze des Berges Moria. Er wurde vom dritten König Israels Salomo errichtet. Sein Name verkörpert bereits den Wunsch nach Frieden auf Erden und mit Gott. Der Name Salomo leitet sich vom Hebräischen Schalom ab. Die Bibel berichtet, dass der Tempel in verschwenderischer Pracht und doch einfach und schlicht in seiner ganzen Anlage ein Sinnbild des Universums und des ewigen Meisters darstellte. Es verwundert daher nicht, dass dieser Tempel nicht nur zum Nationalheiligtum Israels, sondern der ganzen Welt wurde, obgleich er keineswegs der größte und prächtigste der damaligen Zeit war.

Uns Freimaurern aber bleibt er das unverlierbare Urbild, die Idee unseres Werkes. Er stand in enger Nachbarschaft zur Königsburg Sions auf der Bergspitze Moria. Hier war Abraham zum Opfer bereit, dort brachte man dem Gott Israels Brandopfer und Speiseopfer dar. Einmal im Jahr betrat der Hohepriester mit verhülltem Haupt das Allerheiligste, um am Tage des Versöhnungsfestes das Sühneopfer für das ganze Volk darzubringen und für das Volk Israel zu beten. Auf  das Opfer folgte der Segen. Auch dies lernen wir durch unsere Arbeit. Wenn wir uns nicht von allem Irdischen trennen und in diesem Sinne unser bisheriges Leben verlieren, werden wir den neuen Geistestempel nicht erstellen können und zu ewigem Leben auferweckt werden. Vom Opferberg Moria her kommt uns Kraft und Hilfe zur Förderung unseres Werkes.

Damit haben wir die Bergspitzen Sion und Moria kennen gelernt. Was aber bedeutet die dritte Spitze für uns, der Berg Akra?

Unsere Akten sagen, dass hier die Residenz der jüdischen Fürsten nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil stand. Damit werden wir an die Zeiten des Verfalls, der Zerstörung und der Verwüstung erinnert. In Psalm 137 heißt es: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, gedachten wir Deiner, Sion!“ Mit der Sehnsucht nach dem zerstörten Heiligtum erwachte auch das alte Vertrauen in den EInen Gott. „Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die recht Hand verdorren. Die Zunge soll mir am Gaumen kleben bleiben … ” heißt es in Psalm 137,5. Dies waren die Losungsworte, mit dem das Volk Israel unter der Leitung bewährter Führer sammelten, um in die Heimat zurückzukehren. Mit dem Schwerte in der einen und der Kelle in der anderen Hand wurden Stadt und Tempel wieder aufgebaut und auf dem Berge Akra entstand die neue Königsburg.

Solche Zeiten der Erniedrigung bleiben auch dem Einzelnen nicht erspart. Jeder strebsame Mensch erlebt Tage, wo sein Gottvertrauen wankt, abfällt und neue Kraft nicht da sucht, wo sie wirklich liegt. In dieser Zeit verlässt er sich auf allerlei irdische Götzen, um desto tiefer zu fallen. Wohl dem, der aus solchen Irrwegen die Rückkehr findet und sich in neuer Kraft erhebt. Dem leuchtet die Spitze Akra und gibt ihm das Heil wieder. Akra ist uns damit ein Symbol der Demütigung und Buße, aber auch der Wiederaufrichtung des Verfallenen und der unzerstörbaren Kraft, durch die sich das Göttliche aus Erniedrigung und Zerstörung wieder emporhebt.

Heute wissen nicht mehr genau, wo die Spitze Akra lag; vielleicht befand sie sich in der Nähe jenes Hügels, auf welchem unser Obermeister als „König der Juden“ am Kreuze hing und in tiefster Erniedrigung verblutete, um durch seine Erlösungstat den Tod zu besiegen. Auch hier war tiefste Schmach und höchster Triumph miteinander vereinigt.

Richten wir unseren Blick nun von der Höhe der Berge hinab in das Tal der Johannisloge!

Überall in der Nähe mächtiger Bauten wurden Bauhütten errichtet, um die Steine für den Bau zu behauen und herzurichten. Eine solche Bauhütte hat der Tempel Salomos sicherlich auch gehabt. Da auf der Plattform des Tempels kaum Raum dafür vorhanden war, wurde die Bauhütte wahrscheinlich in das Tal Josaphat verlegt wurde tief unter dem Tempelberg.

Hier unten wurden die Steine mit Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei bearbeitet, um dann als fertige Baustücke, mit Steinklammer, Baukran und Seiles auf die Höhe Moria empor gehievt zu werden. Das Wort Josaphat bedeutet „Stätte, des Gerichts“. Aus diesem Namen leitet sich die Überlieferung ab, wonach in diesem Tale am jüngsten Tag das Weltgericht stattfinden wird. Es ist die Sehnsucht von Juden und Muslimen, dort begraben zu werden. In der Tat finden sich in den Felswänden des Tales und an den gegenüberliegenden Hängen viele Gräber. Auch für uns Freimaurer ist das Wort Josaphat bedeutungsvoll.

Die Johannisloge mit ihrem Sitz im Tale Josaphat ist für uns die Stätte des Richtens. Dies ist aber kein Richten im Sinne der Feststellung von Schuld und Sühne, von Strafe oder Lohn. Richten ist hier vielmehr im Sinne von recht machen, gerade machen, aufrecht stellen zu verstehen. Bei Jesaja (Jes. 40, 4) heißt es: „Alle Täler sollen erhöht und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden. Was uneben ist, soll eingeebnet werden.“

Wie unser Fragebuch (II. Abt., 1. Art., Fr. 45) uns sagt, hat die Johannisloge die Aufgabe, „Baumaterialien herbeizuschaffen und zuzubereiten“. Sie beschäftigt sich also mit den rauhen Steinen. Diese rauhen Steine aber sind wir selbst. Hier in unserer Werkstätte unterwerfen wir uns selbst der richtenden Hand des Meisters; sein Senkblei in der hand des Zweiten Aufsehers richtet uns auf. Dies entspricht der Lehrlingssäule mit dem Namen JAKIN, was bedeutet: „Er richtet auf“. SEine Wasserwaage, die der erste Aufseher führt, weist uns die rechte Bahn. Dies alles geschieht nach SEinem Winkelmaß, dem unabänderlichen Gesetz. Wir richten uns nach diesem Gesetz aus, indem wir das rechtwinklige Lehrlingszeichen vollziehen. Aber nicht wir, sondern der Herr richtet uns aus. Sein Richten ist kein Strafgericht, kein kurzer Akt, vor dem wir zittern müssten, sondern ein langsamer Vorgang allmählicher Entwicklung, dem wir uns freudig unterwerfen können.

Das ist die Arbeit, die im Tempel der Johannislehrlinge im Tale Josaphat erfolgt. Möge sie sich an uns allen vollziehen und zur Wahrheit werden, auf dass wir dereinst nicht verworfen werden. Vielmehr sollen wir als recht bereitete Bausteine empor aus dem dunkeln Tale zur lichten Tempelhöhe Sions und Morias gehoben werden! Denn „selig sind die reinen Herzens; sie werden Gott schauen!“

Es geschehe also!